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Die Jimmy

Am Meer ist es wärmer: Eine Liebesgeschichte

Am Meer ist es wärmer - Hiromi Kawakami, Nina Petri, Kikimo Nakayama-Ziegler Erster Satz: Jemand folgte mir. Inhalt: Vor 13 Jahre verschwand Keis Mann spurlos. Den letzten Hinweis, den sie finden kann, ist die Notiz "Manazuru" in seinem Tagebuch. Manazuru ist ein kleines Fischerdörfchen, zwei Bahnstunden von Tokio entfernt. Dort begibt sie sich auf die Antwortsuche auf Fragen, die sie seitdem Verschwinden quälen. Kei begegnet einer mysteriösen Frau, die mehr zu wissen scheint, und entfernt sich dabei immer mehr von der Wirklichkeit. Meine Meinung: Von Kawakami habe ich vor einiger Zeit den Roman "Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß" sehr gerne gelesen. Daher war mir der sanfte Schreibstil der Autorin bereits vertraut. Nun wurde ich wieder an einen ruhigen Ort auf den fernöstlichen Inseln versetzt, wo in mir jedes Zeitgefühl ausgelöscht wurde. Eine passende Szenerie wird bereits auf dem Cover angedeutet. Eine junge Frau flieht mit ihrem grellgelben Papierschirm vor den nassen Regentropfen - in Zeitlupe bewegt sie sich voran. Ich nackten Arme und Beine werden nass gespritzt. Vielleicht trifft ihr Blick gerade auf den eines anderen. Die Momentaufnahme will keine Nähe zulassen. Wir Betrachter werden abgeschirmt, im wahrsten Sinne des Wortes. Das lässt gleichzeitig Neugierde und Interesse aufkommen. Hat sie etwas zu verbergen? ... Ich liebe Umschlaggestaltungen, aus denen man soviel heraus interpretieren kann. Dies ist hier möglich. Ebenso bei der dazugehörigen Geschichte. Bei Hiromi Kawakami verschwimmen Phantasie und Wirklichkeit. Der grenzenlose Übergang eröffnet andere Möglichkeiten und so wird daraus ein neues Gebilde. Eine Welt in der die junge Kei herum spaziert und nicht weiß woran sie ist. Ihre Gefühlswelt steht im Mittelpunkt, während immer wieder die unterschiedlichsten Gedanken durcheinander gewirbelt werden. Dennoch hatte ich nie das Gefühl, dass eine Passage dort nicht hingepasst hätte. Die japanische Autorin weiß, geschickt verschiedene Elemente aneinander zu fügen und so eben auch die teils widersprüchlichen Ideen ihrer Protagonistin. Der Geschichte haften streckenweise sehr phantastische Züge an, die sich auf elegante Weise mit der Trauer der Hauptfigur ergänzen. So ist bei Kei anfangs eine tragische Resignation zu spüren. Sie hat keine Kraft mehr, nach ihrem Mann zu suchen. Viel einfacher ist es, sich bei einem anderen Trost zu suchen. Und solch jemand anderen hat sie schnell gefunden. Aber ist es der richtige Weg für Kei? Sicher nicht. Im Laufe der Geschichte muss sie sich dies selbst auch eingestehen. Der Verlust ihres Mannes nagt noch weiterhin an ihr wie ein Glückseligkeit fressender Traum. Und trotz dieser Unschlüssigkeit und Sinneswandlung wirkt sie auf mich wie eine starke Person. Sie hat Mut und folgt spontan ihrem Instinkt. Der leitet sie und hilft ihr weiter. Ich fand es sehr spannend Keis Erzählung zu verfolgen. Sie weiß ganz genau, dass sich die Welt nicht nur um sie dreht. Daher werden auch der kleinen Tochter Momo und der eigenen alten Mutter wichtige Passagen zugeteilt. Da der Roman nicht nur auf die junge Frau fokussiert ist, kann "Am Meer ist es wärmer" auch ein tolles Leseabenteuer für die Männerwelt sein. Schließlich spielt auch ein Mann eine der Hauptrollen, wenn auch eher als unsichtbarer Gast. Dennoch schreibt Kwakami aus der ich-Perspektive, dass sollte erwähnt sein. In letzter Zeit lese ich sehr viele Bücher, die aus diesem Blickwinkel beschreiben und erzählen. Aber nur wenige Romane kommen vom Niveau her an diese Glaubwürdigkeit heran. Ich konnte mich sehr gut mit Keis Charakter identifizieren; sie war mir sympathisch und ich sah Logik - wenn auch etwas verschrobene - in ihren Handlungen. Dies ist mir immer sehr wichtig. Denn wenn mir das Verhalten einer Figur als unpassend oder unüberlegt erscheint, habe ich meist gleich viel weniger Gefallen an dem gesamten Kontext. Solch ein Deatil wertet für mich ein Buch schnell ab - das konnte die Autorin hier verhindern. Seite 91 >> In jedem Fall waren die, die zurück gelassen wurden, zu bedauern. Aber wer ist bedauernswerter - der, der fortgeht, oder der, der zurückbleibt?, fragte die Frau. Darüber will ich nicht nachdenken, erwiderte ich brüsk, und sie verschwand sogleich im Meer. Ihre Beine wirkten sehr weiß.